Zero Shades of Grey

Die Prostitutionsdebatte, angestoßen durch Alice Schwarzers neustes Buch, ist am abklingen. Ein guter Zeitpunkt für mich einzusteigen.

Eigentlich ist meine Haltung klar, als Pirat habe ich auf einem Parteitag in Bayern einen Antrag zur Stärkung der Rechte Prostituierter eingereicht, wodurch entsprechende Forderungen ins Wahlprogramm der vergangenen Landtagswahl aufgenommen wurden.

Trotzdem läßt mich meine Twitter-Timeline, in der Feministinnen wie Männerrechtler selbstbestimmte Sexarbeit feiern, etwas ratlos zurück.

Vergleichend dazu ein Thema, bei dem ich mich besser auskenne: Drogenpolitik. Ich setze mich für eine Legalisierung sämtlicher Drogen ein. Jedoch bedeutet dies im Umkehrschluss nicht, dass ich den Konsum sämtlicher Drogen befürworte. Im Gegenteil, selbst bei einer Droge wie Cannabis versuche ich die Gefahren des Konsums nicht zu verschweigen. Bei anderen Drogen halte ich es sogar aus politischer, gesamtgesellschaftlicher Sicht erstrebenswert, den Konsumentenkreis so klein wie möglich zu halten. Nur verspreche ich mir von einem legalen, regulierenden Ansatz in Kombination mit Aufklärung mehr als von der aktuellen tabuisierenden Verbotspolitik.

Zurück zur Prostitution. Machen die meisten Sexarbeiter*innen zum Gelderwerb. Dies verbindet sie mit dem großen Rest der Bevölkerung. Erwerbsarbeit als persönliche Selbstverwirklichung nutzen zu können ist ein Privileg, welches nur wenige genießen. Allerdings empfinde ich Berichte wie “lieber Sexarbeit als Hartz IV” nicht als Argument für erstrebenswerte Sexarbeit, sonder viel eher als Argument für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wobei die Analyse “Das Problem heißt Kapitalismus” mich auch nicht zufriedenstellt. Viele Probleme unserer Zeit entstehen durch die aktuelle Ausprägung des Kapitalismus. Nur läßt die sozialistische Weltrevolution gerade etwas auf sich warten. Sprich auch innerhalb des herrschenden Systems gilt es Probleme zu benennen und Zustände zu verbessern.

Mein erster Kontakt zu Prostitution hatte ich, sehr klischeehaft, auf dem Fußballplatz. Auf der einen Seite, das privilegierte Lehrerkind, der Einser-Abiturient, der Medizinstudent. Auf der anderen Seite der seit seinem 16. Lebensjahr hart arbeitende Fabrikarbeiter. Welcher, wenn am Ende des Monats noch Geld über war, sich ganz gerne mal im Puff vergnügt. Auch, um die restliche Zeit damit zu prahlen, wie er (zumindest vorgeblich) dort die geilen Russenschlampen so richtig durchfickt. Man verzeihe mir hier bitte meine Wortwahl. Aber meine (absolut nicht repräsentativen) Bekanntschaften mit Freiern haben bei mir nicht den Eindruck vermittelt, dass es bei Prostitution nur um sexuelle Dienstleistungen zwischen gleichberechtigten Partnern geht. Sex ist mit Macht eng verwoben. An kommt: Beine breit gegen Geld, Arschfick kostet extra. Wenn ich Alice Schwarzer, die meistens auf die Verbotsforderung reduziert wird, richtig verstehe geht es ihr vor allem grundsätzlich um den Einfluss einer allzeit verfügbaren käuflichen Sexualität auf unsere Gesellschaft.

Tatsächlich kenne ich nicht wenige Männer, die gerne Frauen auf Cocktails einladen, allerdings mit Unverständnis reagieren wenn sich diese Investition am Ende des Abends nicht auszahlt. Nicht immer bleibt es in solchen Fällen bei Unverständnis, verbale wie körperliche sexuelle Übergriffe sind leider Alltag in Bars und Clubs. Nun will ich auf keinen Fall eine monokausale Korrelation zwischen Prostitution und sexuellen Übergriffen herstellen, trotzdem finde ich die Frage, welche Formen der Prostitution welche gesellschaftlichen Konsequenzen nach sich ziehen, diskussionswürdig.

Dabei will ich nicht wertend vorgehen. Ich respektiere die selbstbestimmte Entscheidung der jungen Frau aus Rumänien zur Sexarbeit selbstverständlich genauso wie die der Kunststudentin mit Escort-Service als Nebenjob. Ebenso die Hobbyhure, den männlichen Sexarbeiter, die Sexualbegleitung für Behinderte, den Masseur mit Happy-End im Angebot und all die anderen vielfältigen Formen von Sexarbeit.

Das Thema hat viel mehr zu bieten als die aktuell dominierenden zwei gegensätzlichen Positionen. Neben schwarz (Prostitution verbieten) oder weiß (wer gegen Prostitution ist, ist gegen die Selbstbestimmung der Sexarbeiter*innen) gibt es noch viele Grautöne.

Die aktuelle Debatte dreht sich vor allem um die Frage “Soll Prostitution verboten werden?”. Das ist die falsche Frage (abgesehen davon, die Antwort ist nein). Die Diskussion sollte sich lieber um folgende Fragen drehen:

Welche Formen der Sexarbeit halten wir gesellschaftlich für wünschenswert?
Wie können wir diese fördern?

Welche Formen der Sexarbeit halten wir aus welchen Gründen gesellschaftlich für problematisch? Wie können wir hier regulierend eingreifen?

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