Antifa heißt Widerstand

Eigentlich hat @Street_Dogg mit seinem Beitrag schon alles gesagt, aber nachdem dieser Blogpost schon länger in meinem Entwürfeordner rumliegt auch noch meine Sichtweise der Diskussion.

tl;dr: Antifa ist geil, Antifaflagge auf Piratenparteitagen ist ungeil.

Zum Beginn der Diskussion gab es einige Piraten, welche “die Antifa” pauschal als gewalttätige, brandschatzende Räuberbanden dargestellt haben. Das ist natürlich unterstes Bildzeitungsniveau und schlichtweg falsch. Als kurzen Werbeblock: Ich bin Fördermitglied beim aida-Archiv. Der Verein wurde jahrelang unrechtmäßig als linksextrem vom bayerischen Verfassungsschutz überwacht und ist sicherlich Antifa Kreisen zuzuordnen. Die Menschen in diesem Verein machen eine unheimlich gute und wichtige Dokumentations-, und Informationsarbeit. Schaut euch auf der Webseite um: Fördermitglied kann man bereits ab 5€ monatlich werden.

Nun hat Sebastian Leber vom Tagesspiegel Recht, wenn er der Antifa die vermutlich schlechteste Öffentlichkeitsarbeit dieses Planeten bescheinigt. Das Bild der Antifa als gewalttätige Chaostruppe ist enorm weit verbreitet, in der Gesellschaft wie unter Piraten. Hier würde ich es als Aufgabe “linker” Piraten mit Nähe zur Antifa sehen, Vorurteile abzubauen. Und das sollte eigentlich nicht schwer fallen, denn es gibt unzählige Beispiele positiver, friedfertiger Antifa Aktivitäten. Ich muss da spontan an die sich als Antifa definierende Theologiestudentin denken, die ich im Umfeld des Hungerstreiks der Refugees kennen lernen durfte und welche dort Tag und Nacht geholfen hat. Oder an Mitläufer, welche Asylbewerber zum Amt begleiten. Oder, oder, oder…
Gegen Nazis!
Statt dessen stelle ich mit Verwunderung fest, das Antifa immer wieder nur mit antifaschistischer Gesinnung gleichgesetzt wird. Mehr oder weniger direkt wird somit Personen, welche die Antifa ablehnen, die antifaschistische Grundhaltung abgesprochen. Das ist natürlich auch völliger Unsinn. Mit gutem Gewissen kann ich sagen, dass über 99% der Piraten Nazis scheiße finden. Sonst wäre ich auch nicht in dieser Partei. Spätestens seit dem Aufkommen der AfD sind wir die letzten rechten Arschlöcher losgeworden. Aber wie bei den meisten Menschen in unserer Gesellschaft beschränkt sich bei vielen Piraten der Antifaschismus auf 1.) selbst kein Nazi sein, 2.) Nazis blöd finden, 3.) einmal im Jahr auf die bunte Demo gegen Rechts gehen. Antifa heißt hingegen, die Demo gegen Rechts zu organisieren. Und zwar nicht die am Rathausplatz auf der bunte Ballons steigen gelassen werden, sondern die Demo welche durch Sitzblockaden effektiv verhindert dass Nazis sich präsentieren können. Antifa heißt Widerstand. Wogegen sich dieser Widerstand richtet unterscheidet sich sicherlich zwischen einzelnen Gruppen. Aber Antikapitalismus und tiefes Misstrauen bis offene Ablehnung des Staates findet sich meistens.

Auch wenn es um Gewaltbereitschaft geht finde ich die Argumentation vieler linker Piraten erstaunlich unehrlich. Denn es gibt nicht nur die gute, friedliche Antifa auf der einen Seite und böse Gewalttäter auf der anderen Seite. Die Grenzen sind fließend, einfach mal mit Antifas eine Diskussion über Herrschaft und Gewalt anfangen. Ich persönlich finde das nicht immer schlecht. Wenn bei einem Asylbewohnerheim immer wieder rechte Angriffe statt finden, dann organisieren lokale Antifa Aktivisten eine Mahnwache zum Schutz rund um die Uhr (also jetzt nicht in München, da ist die Szene leider zu klein). Übrigens ehrenamtlich und unentgeltlich. Und wenn Rechte vor Ort auftauchen werden schon mal schnell 20 Leute zusammengetrommelt. Die im Zweifelsfall auch bereit sind den Nazis tatkräftig aufs Maul zu hauen. Sicherlich wird dadurch das Gewaltmonopol des Staates in Frage gestellt und Selbstjustiz ausgeübt. Wenn ich nur mit dem Rechtsstaat argumentiere braucht es sowas wie die Antifa nicht. Schließlich ist Deutschland schon per Grundgesetz antifaschistisch. Und für die Ahndung von rechten Straftätern gibt es die Polizei. Noch besser, auch der Verfassungsschutz schützt uns vor Faschisten, welche die freiheitlich demokratische Grundordnung bedrohen.

Refugees Welcome

Ich hoffe, dass den meisten beim lesen der letzten Sätze aufgefallen ist, dass diese leider nicht ganz der Realität entsprechen. Der Verfassungsschutz hat jahrzehntelang durch V-Männer rechte Netzwerke mit aufgebaut und es gibt Polizisten die nebenher im Ku-Klux-Klan aktiv sind. Überhaupt ist leider rechte Gewalt alltäglich. Während die Zeiten der RAF nun doch seit längerem vorbei sind wächst die Liste der Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland auf Wikipedia immer weiter an. Der letzte Polizistenmord wurde aus dem Umfeld der NSU begangen. Wir leben in einer Zeit, in der die Brandanschläge auf Asylbewerberheime wieder zunehmen. Da freue ich mich enorm, dass Menschen bereit sind in ihrer Freizeit, unter Einsatz ihrer eigenen körperlichen Unversehrtheit, dagegen anzukämpfen. Und wenn dieser lobenswerte Einsatz zusammen mit Anarcho-Syndikalismus kommt kann ich gut damit leben.

Der Witz ist jedoch, so sehr ich diese antifaschistischen Aktionen schätze und teilweise unterstütze – ich selbst habe mich für einen anderen Weg entschieden. Ich bin in eine Partei eingetreten und will das System von innen reformieren. Sprich ich will den Verfassungsschutz abschaffen und die Polizeiausbildung reformieren. Aber ich bin als Parteipolitiker klar Teil des Systems. Ich würde daher auch nie mit einer Antifaflagge auf eine Demo gehen. Ich bin lokal als parteipolitischer Mensch bekannt, ich glaube die lokale Antifa würde mich entweder auslachen oder ausgrenzen. Denn so wie ich Gerede über Klassenkampf einiger Antifas nicht Ernst nehmen kann, so nehmen mich viele Antifas nicht ernst wenn ich erzähle dass ich innerhalb der parlamentarischen Demokratie und innerhalb der sozialen Marktwirtschaft an Reformen glaube. Ich denke zwar, dass wenn es gegen Nazis, Rassisten oder Rechtspopulisten geht die Antifa auf der einen Seite und eine Partei auf der anderen Seite gemeinsam zusammenarbeiten können und sollten. Aber es handelt sich trotz allem um zwei verschiedene Ansätze.
Darum hat eine Antifaflagge auch wenig auf Parteitagen verloren.

Zu Letzt, ich besitze die beiden im Beitrag veröffentlichten Bilder als Flagge. Ich leihe die gerne aus, falls ihr die bei einem Parteitag aufhängen wollt. :-)

2 Kommentare

  1. 1

    Tja, nur eine Anmerkung, das Beispiel mit der Mahnwache, die Leute zusammen trommelt, damit angreifende Nazis abgewehrt werden können: Das stellt das Gewaltmonopol des Staates nicht in Frage und ist auch keine Selbstjustiz. Das ist Notwehr (wenn man selbst angegriffen wird) oder Nothilfe (wenn man anderen Angegriffenen hilft).

    Selbstjustiz wäre, wenn man sich die Nazis hinterher schnappt, also sie aktiv aufsucht.

  2. 2
    @pelohpirat

    Bitte bring die beiden Flaggen unbedingt zum nächsten BPT mit.